Bleichanger

Unsere Liebe Frau vom Bleichanger

Geschichte und Baugeschichte

Ursprung der Wallfahrt: Den Ursprung der Wallfahr zu Unserer Lieben Frau am Bleichanger schildert eine schöne Legende: Beim Spielen, draußen am Anger vor dem Markt, fanden Kinder ein Marienbild von Anmut und Liebreiz. Man trug dieses Bild in feierlichem Zug in die Pfarrkirche und wies ihm einen ehrenvollen Platz an. Aber sooft man es in die Pfarrkirche brachte, kehrte das Bild jedes Mal wieder auf den Anger zurück. Man verstand schließlich diesen Wink und errichtete dort dem Bild eine Feldkapelle. In welchem Jahr dieses Ereignis stattfand, lässt sich nicht mehr belegen, verschiedene Hinweise legen den Schluss nahe, dass dies kaum nach 1700 geschehen ist, eher früher. 1727 wurde dann für das Wallfahrtsbild, eine Nachbildung der Gnadenmutter von Altötting, eine prachtvolle Kapelle errichtet. Am 26. November 1785 richteten Bürgermeister Georg Mathias Pösl und der Magistrat im Auftrag der gesamten Bürgerschaft an den Bischof von Regensburg das Gesuch, an diesem hochverehrten Gnadenort auch die hl. Messe feiern zu dürfen. Das Bischöfliche Konsistorium beauftragte daraufhin den Pfarrer von Oberviechtach, Dr. Johannes Härdtl. Sich zu diesem Wunsch der Pfarrgemeinde zu äußern und eine exakte Beschreibung der Wallfahrt und der Kapelle zu geben. Aus seinem Antwortschreiben vom 6. Januar 1786 können wir uns ein genaues Bild von der damaligen Kapelle machen: Pfarrer Dr. Härdtl schildert zunächst die topographische Lage und die äußeren Ausmaße der Kapelle. Zum Bestand der Wallfahrt macht er nur die vage Angabe, dass sie „vor vielen Jahren“ begonnen habe. Interessant für uns ist aber dann die Beschreibung der Ausstattung: Die Kapelle hatte damals acht Betstühle, einen Opferstock sowie eine fest verschließbare Türe. Der Altar ist neu und schön, marmoriert und vergoldet; an den Seiten stehen die Figuren von Joachim und Anna in halber Mannsgröße. In einem Glasschrein befindet sich das Gnadenbild, darüber die Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit. Für das Gnadenbild gab es, barockem Brauch entsprechend, verschiedene kostbar gearbeitete Kleider und Umhänge. Auch sonst ist alles vorhanden: Altarpodest, Antependium, Altartücher, Leuchter und Kruzifix, lauter Stiftungen frommer Bürger. Pfarrer Dr. Härdtl berichtet weiter, dass zur Kapelle gerne geopfert wird, so dass inzwischen ein kleines Vermögen zusammengekommen ist, das vorerst mit den anderen Stiftungsgeldern kumulativ verwaltet wird. Das Gnadenbild genießt das große Zutrauen der ganzen Gegend, und es ist der sehnlichste Wunsch aller Gläubigen, dass an diesem alten Gnadenort auch die hl. Messe gefeiert werden dürfe. Sein Vorgänger hat sich diesem Anliegen gegenüber immer ablehnend verhalten, offensichtlich weil ohnehin genug Messstipendien vorhanden waren. Doch er, Pfarrer Dr. Härdtl, hätte überhaupt nichts dagegen. Zum einen sieht er dann die Möglichkeit, die alten überkommenen Prozessionen, die die bayerische Regierung verboten hatte, wenigstens in kleinem Rahmen abhalten zu können. Zum anderen würden so die Spendenmittel noch reichlicher fließen, die er dringend benötigt, um die durch den Neubau der Pfarrkirche entstandenen Schulden abzutragen. Er würde es daher sehr begrüßen, wenn gemäß dem Wunsch der Pfarrgemeinde in der Bleichangerkapelle auch Gottesdienst gehalten werden könnte. Auf dieses Gutachten des Pfarrers hin erteilte am 9. Februar 1786 das Bischöfliche Konsistorium die erbetene Erlaubnis, ausdrücklich aus dem Grund, um einige Male im Jahr Bittgänge abhalten zu können, da weitere Kreuzgänge derzeit verboten sind. Bezüglich des Opfergeldes wurde folgende Verfügung getroffen: „Damit aber diese Erlaubnis der Mutterkirche mehr zum Nutzen gereiche und selber hiedurch kein Schaden zugehe, so sollen 2 Drittel des eingehenden Opfer zum besten des pfarrl. Gotteshauses verwendet werden.“

Der heutige Altar ist also schon der von Pfarrer Dr. Härdtl beschriebene. Leider haben wir keine Angaben, wann und von wem er geschaffen wurde. Da er in dem erwähnten Schreiben von 1786 als neu bezeichnet wird, ist er wahrscheinlich anlässlich der Neugestaltung der abgebrannten Pfarrkirche 1773/75 entstanden; seine überaus qualitätsvolle Gestaltung legt nämlich den Schluss nahe, dass er ein Werk der Amberger Künstler ist, die damals an der Pfarrkirche gearbeitet haben. Möglich wäre aber durchaus, dass er schon früher geschaffen und 1775/76 von ihnen renoviert wurde. Die erwähnten Figuren der hl. Joachim und Anna sind heute nicht mehr vorhanden.

Die vor nahezu 200 Jahren erteilte Erlaubnis, in der Bleichangerkapelle auch die hl. Messe zu feiern, wurde bis 1969/70 wahrgenommen, als am Samstag regelmäßig ein Gottesdienst stattfand.

Renovierung 1845: Als die Kapelle baufällig geworden war, wurde sie 1845 aus dem Vermögen der Bleichangerstiftung und mit vielen Spendenmitteln restauriert: die Mauern mussten ausgebessert werden, der Dachstuhl wurde erneuert, das Dach als ganzes neu eingedeckt. Ferner wurde ein kleiner hölzerner Vorbau erstellt. Nach abgeschlossener Renovierung erbat Pfarrer Johann B. Hüttner am 8. November 1845 vom Bischof die Erlaubnis, die Kapelle benedizieren zu dürfen; sie wurde am 11. November 1845 erteilt; an welchem Tag dann die Weihe erfolgte, ist nicht mehr bekannt.

Renovierung 1921/22: Nach Renovierung der Pfarrkirche 1913/16 ging Pfarrer Edmund Rosenheimer an die Wiederherstellung der schadhaft gewordenen Bleichangerkapelle, vor allem musste der Holzanbau erneuert werden. Die Bauern von Oberviechtach stifteten das benötigte Holz und übernahmen den unentgeltlichen Transport aller Baumaterialien. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege erstellte die Pläne für den Umbau, die Innenrestaurierung sollte durch Maler Böckl von Weichs erfolgen, der auch die Renovierung der Pfarrkirche vorgenommen hatte. An freiwilligen Spendenmitteln waren 6.000 Mark vorhanden; falls diese Summe nicht ausreiche, die Kosten zu decken, werde Pfarrer Rosenheimer persönlich für den Mehrbetrag aufkommen. Am 13. September 1921 erhielt das Bauvorhaben die Genehmigung der staatlichen und bischöflichen Behörde. Was alles an Renovierungsmaßnahmen vorgenommen wurde, lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Alten Fotografien ist zu entnehmen, dass die Bleichangerkapelle damals ganz mit Brettern ummantelt wurde. Am 21. Oktober 1921 reichte der Kirchenmaler Böckl einen Kostenvoranschlag ein: für das Ausmalen der Kapelle, das Fassen der Holztäfelung, Restaurierung und Vergoldung des Altares errechnete er 5.800 Mark an voraussichtlichen Kosten. Wann die Restaurierung abgeschlossen war und die Kapelle benediziert wurde, lässt sich nicht sagen, da hierzu keine Unterlagen vorhanden sind, anzunehmen ist aber das Jahr 1922.

Neubau 1954: Nach dem Krieg war die Kapelle derart ruinös geworden, dass an eine Restaurierung im üblichen Sinn nicht mehr zu denken war. Pfarrer Simon Sindersberger ging daher im Jahr 1854 daran, die Kapelle abzubrechen und von Grund auf, zugleich größer, aufzubauen. Der unter Denkmalschutz stehende Altar wurde restauriert und wieder aufgestellt; denn Innenraum gestalteten der Stukkateur Schluderer aus Regensburg mit schönen Stuckarbeiten und der Kunstmaler Vierling aus Weiden mit einem beeindruckenden Deckengemälde, am Frontgiebel schuf Kunstmaler Schmitt aus Nabburg eine Schutzmantel-Madonna in Sgrafitto Technik. Der Neubau fand die zustimmende Begutachtung des Konservators des Landesamts für Denkmalpflege. Auf Bitten des Ortspfarrers erteilte Dompfarrer und Domkapitular Joseph Erhardsberger, der von 1938-1946 Pfarrer von Oberviechtach war, der Kapelle am 8. Dezember 1954 die kirchliche Weihe; dieser Festakt stellte den feierlichen Abschluss des von Papst Pius XII. proklamierten Marianischen Jahres dar.

Die gesamten Baukosten beliefen sich auf 30.000 Mark. Der Opferfreudigkeit der Pfarrgemeinde wie auch dem finanziellen Geschick des Pfarrers war es zu verdanken, dass bei der Einweihung der Bleichangerkapelle nur mehr 600 Mark Schulden vorhanden waren.

Baubeschreibung

Der Altar ist eine pretiöse Schöpfung des Rokoko (mögliche Herkunft siehe oben). Das Hauptstück des Altars bildet der Glasschrein mit dem Gnadenbild, 1975 raubten es ruchlose Kirchendiebe; seitdem vertritt ein anderes Marienbild seine Stelle, gestiftet von Stiftskanonikus Prälat Laurenz Welnhofer, einem Bürgerssohn aus Oberviechtach. Alle Freunde der Bleichangerkapelle hoffen, das altehrwürdige Gnadenbild eines Tages doch noch zurückzubekommen.

Das Gnadenbild flanieren links und rechts zwei Engel. Über dem Glasschrein befindet sich die bereits 1786 von Pfarrer Dr. Härdtl erwähnte Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit.

Links und rechts vom Altar hängen zwei Marienbilder. Das linke stellt eine Kopie des Wallfahrtsbildes vom Mariahilfberg in Amberg dar. Neben Passau war Amberg die berühmteste Mariahilf-Wallfahrt in Bayern, die vor allem auf dem politischen Hintergrund der Türkenkriege zu sehen ist. Es gibt in Bayern wohl kaum eine Kirche, in der nicht ein Mariahilf-Gnadenbild hängt, von Passau bzw. Amberg her inspiriert. Das Bild in der Bleichangerkapelle wurde von Frau Katharina Welnhofer, geb. Deml gestiftet, und zwar zwischen 1851 und 1879. Sie litt an einem offenen Bein und erhoffte sich Heilung (1).
Die Nachwirkungen dieses Bildes aber sind – unter wallfahrtsphänomenologischem Aspekt – als Sensation zu sehen: das Mariahilf-Bild war bei der Bevölkerung offensichtlich so beliebt, dass es ihm gelang, das althergebrachte Gnadenbild zu „verdrängen“: die zur Kapelle gestifteten Votiv-Hinterglasbilder aus der Werkstatt Ruff in Winklarn zeigen nämlich ausschließlich das Mariahilf-Motiv. Von diesen wertvollen Votivbildern blieben nur wenige erhalten, sie sind im Eisenbarth-Museum zu bewundern Das letzte und bekannte Mariahilf-Votivbild schuf zwischen 1920 und 1925 der Oberviechtacher Maler Georg Schwab.

Das älteste erhalten gebliebene Votivbild stammt aus dem Jahr 1797 von dem Winklarner Maler Thomas Aquinus Roth: es zeigt den Stifter in festtäglichem Gewand, er kniet vor dem Gnadenbild (Altötting-Motiv) und betet den Rosenkranz. Dieses Bild befindet sic heute als Leihgabe im Stadtmuseum Regensburg.

Das Muttergottesbild auf der rechten Seite hat eine wohl noch interessantere Hintergrundgeschichte: Es zeigt die Muttergottes in herrscherlicher Pose und Krone auf dem Haupt, mit einem blauen Mantel bekleidet, der mit goldenen griechischen Buchstaben geschmückt ist. Auf ihrem Schoß sitzt der Christus-Knabe, die rechte Hand segnend erhoben, in der linken Hand hält er ein Schriftband mit dem Reimpaar: „In gremio matris / sedet spientia patris“, d. h. im Schoß der Mutter sitzt die Weisheit des Vaters. Den unteren Rand bildet eine Rokoko-Kartusche mit den italienischen Worten: „Ritrato della imagine miraculose Madonna oer in Valle die Vegezo“ (2), d.h. übersetzt: Porträt des wundertätigen Muttergottesbildes ... in Valle di Vegezo“. Bei diesem Bild handelt es sich um die Kopie einer byzantinischen Ikone, und zwar der Darstellung der „Platytera“. Die liturgische Grundlage des in der Frömmigkeit der Ostkirche so beliebten Typus der „Platytera“ ist der Vers aus dem Akathistos-Marien-Hymnus: „Du bist umfangreicher (griech.:platytera) als die Himmel und bietes dem Raum, den der Raum nicht zu fassen vermag.“ Diesem theologischen Gedanken entspricht auch die Inschrift, die der Christus-Knabe in Händen hält. Das Bild in der Bleichangerkapelle ist nun, wie die untere Inschrift ausweist, eine Kopie des in Valle die Vegezo verehrten Gnadenbildes. Ob dieses italienische Bild wirklich eine byzantinische Ikone oder wiederum nur die Kopie einer solchen war und wie das Bild seinen Weg nach Oberviechtach fand, müsste erst durch weitere Forschung geklärt werden. Ein wichtiger Hinweis ist die überlieferung, dass es von einer adeligen Dame aus Wildeppenried zur Bleichangerkapelle gestiftet wurde (3).

Das Deckengemälde stellt die Krönung Mariens dar: auf einem prachtvoll gestalteten Thron und umgeben von einem Heer anbetender Engel sitzt Jesus Christus in jugendlicher Gestalt und reicht seiner Mutter, die vor ihm in weißen Kleidern kniet, eine Krone, überschattet vom Hl. Geist in Gestalt einer Taube. Die Marmorstufen des Thrones sind mit Blumen übersät, zu seinen Füßen strömen die Quellen des Paradieses, das durch die Heilstaten Gottes an Maria den Menschen wieder zugänglich wurde. Im Vordergrund links sitzt der Ahnherr Josephs und Mariens, König David, mit der Harfe; von rechts nähern sich die Stammeltern Adam und Eva staunend dem himmlischen Schauspiel. In einem Meer von Licht erschein aus den Wolken Gott Vater und erhebt segnend die Hände.

Die Außensansicht am Frontgiebel stellt die Gottesmutter dar, die um zahllose Menschen, die sie vertrauensvoll anrufen, schützend ihren Mantel breitet, während alle Mächte der Hölle vergeblich dagegen anrennen.

Glocken: In der Pfarrbeschreibung aus dem Jahr 1861 bemerkt Pfarrer Josef Rauch, dass die Kapelle keine Glocke besitzt. Erst 1870 wurde eine Glocke erworben, ihre Inschrift lautete: „Gegossen von Joseph Anton Spannagl in Regensburg 1870 Nr. 738. Angeschafft von Michael Daucher.“ Sie war geschmückt mit dem Bild der Muttergottes mit dem Jesuskind. Ihr Gewicht wird mit ca. einem Zentner angegeben. Im Jahr 1942 musste sie zum Einschmelzen abgeliefert werden. Die jetzige Glocke wurde 1954 zur Einweihung der Kapelle von der Familie Albert Schießl gestiftet. Sie ist 1954 in Regensburg gegossen und wiegt etwa einen Zentner, ihre Inschrift lautet „Maria, Königin des Friedens, bitte für uns“.

Wie schon die Gründungslegende berichtet, gehört zur Gnadenkapelle von Anfang an das „Frauenbrünnl“, die quelle neben der Kirche. Es entspricht alter und gestandener bayrischer Volksfrömmigkeit, dass jeder, der zur Kapelle kommt, von der Quelle trinkt und sich mit dem Wasser die Augen bestreicht. Manche Oberviechtacher holen sich dort heute noch täglich ihr Trinkwasser im Krug. Es ist der dringende Wunsch aller Freunde der Bleichangerkapelle, diese Quelle und den Vorplatz wieder in einen geziemenden Zustand zu versetzen; an Opferbereitschaft dazu wird es bestimmt nicht fehlen, wie die Geschichte der Bleichangerkapelle eindrucksvoll beweist.

Anmerkungen

(1)Frdl. Mitteilung von Herrn Prälat Simon Sindersberger, von Herrn Josef Welnhofer und von Herrn Burkhard Rathmann.
(2)Frdl. Mitteilung von Frl. Rosi Schießl.
(3)Frdl. Mitteilung von H. Herrn Prälat Simon Sindersberger.

Quellen

Aktenbestand Pfarrei Oberviechtach im BZAR, Fasz. Nebenkirchen.
Aktenbestand im PfArch0. Bistumsmatrikel 1916

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